›das menschliche gesicht‹
in »volto umano« infiltriert gewalt die mikrogesellschaft der interpreten, sickert in und aus ihren körpern. das stück bewegt sich zwischen den „kleinen un-taten“ in der gesellschaft, in denen das erbarmungslose hervorkommt. es verkörpert, wie dünn die decke der zivilisation ist, wenn ethik und moral barbarei zum opfer fallen.

»volto umano« offenbart die menschlichen schwächen und zielt dabei mitten ins herz der gegenwart, die sich zunehmend von der menschlichkeit entfernt. es bringt die hybris des menschen zum vorschein. alles kann sich von einem zum anderen moment verändern und ins verhängnisvolle stürzen.

wenn gewalt unser leben durchdringt – welches gesicht kommt zum vorschein?

»toula limnaios findet be­drückende bilder…in »volto umano« gibt es keine zuwendung, nur zurichtung und manipulation. die gruppenaktionen kontrastiert sie mit emotionalen solos… es gibt keinen schutzraum mehr vor dem inhumanen…die tänzer begeistern mit ihrer ausdruckswut und ihrer physischen vehemenz. ein aufwühlender abend.« (tagesspiegel s. luzina)

premiere 2018 tanz/kreation: katja scholz
eine produktion der cie. toula limnaios mit freundlicher unterstützung des landes berlin, senatsverwaltung für kultur und europa.

konzept/choreographie

toula limnaios

musik

ralf r. ollertz

tanz/kreation

daniel afonso, leonardo d’aquino, priscilla fiuza, alba de miguel, ute pliestermann, alessio scandale, hironori sugata, karolina wyrwal

lichtdesign

felix grimm

raum/kostüme

antonia limnaios, toula limnaios

choreographische assistenz

ute pliestermann

public relation

silke wiethe

tourneen kooperationen

sanya tsekov

licht und bühnentechnik

domenik engemann, jan römer, leo tsirigotis

kritiken

»zurichtung statt zuneigung. karambolage.
wie stapelware liegen sie aufeinander, die in hosen und hemden gehüllten stoffpuppen. der turm aus kopflosen leibern überragt das geschehen wie ein menetekel. in ihrer neuen tanzperformance … prangert toula limnaios den verlust von humanität an – und findet dafür bedrückende bilder. aus einem spalt ganz unten kriecht eine tänzerin in hautfarbener unterwäsche hervor und nähert sich einem mann, der starr vor schreck auf einem stuhl sitzt. das anfängliche duett von karolina wyrwal und hironori sugata gibt in seiner ruppigkeit den ton vor. sie sucht nach halt, springt ihn an, klammert und rutscht ab und bedrängt ihn erneut. er versucht sie abzuwehren oder stemmt sie wie ein brett empor. das schutzlos wirkende geschöpf wird zur klette, zur heimsuchung. schließlich verdrängt sie ihn ganz von seinem platz.

eine lauernde gruppe von tänzern in schwarzen anzügen verleibt sich den versprengten mann rasch ein. … jeder steht in „volto umano“ mächtig unter druck, und jeder hat das zeug, selber zum unterdrücker zu werden. die meute schiebt sich aggressiv in den raum … in „volto umano“ gibt es keine zuwendung, nur zurichtung und manipulation.

die gruppen- und paaraktionen kontrastiert toula limnaios mit emotionalen solos. doch der einzelne steht hier auf verlorenem posten. …toula limnaios kennt kein pardon. sie lässt die quälgeister von der leine. alle beziehungen sind hier von gewalt durchzogen, es gibt keinen schutzraum mehr vor dem inhumanen.
….
toula limnaios entwirft in „volto umano“ ein düsteres bild der gesellschaft. hier gilt nur mehr das recht des stärkeren. … mit der zeit gewinnt das stück eine beklemmende intensität. die tänzer begeistern mit ihrer ausdruckswut und ihrer physischen vehemenz. ein aufwühlender abend.«
tagesspiegel, kultur, sandra luzina, 2018.

»das ensemble toula limnaios entlarvt mit dem tanztheaterprojekt „volto umano“ das menschliche gesicht. noch ist die welt in ordnung, … nur die deckenhohe schichtung liegender puppen im hintergrund irritiert bereits. … es ist eine mechanisierte welt, die toula limnaios und ihre compagnie in „volto umano“ vorführen. in lauernder atmosphäre … sucht man vergebens …. glück und harmonie … verstörende bilder sind das, die indes auf etwas hinarbeiten. als sich die menschen … verstricken …, ahnt man: es ist keine gute welt … – seelische leere. … zum finale erreicht der taumel seinen höhepunkt. … die welt erschöpft sich … es ist eine zutiefst düstere vision … «
neues deutschland, v. draeger, 2018.

»toula limnaios ist neben sasha waltz und constanza macras die einzige choreografin in berlin, die eine eigene compagnie unterhält und auch großformatige choreografien produziert. mit der halle in prenzlauer berg hat limnaios ihre eigene spielstätte, wo sie regelmäßig ihre choreografien zeigt. in ihrer neuesten arbeit „volto umano – das menschliche gesicht“ untersucht limnaios die dünne schichte der zivilisation und kultur, die uns, laut freud, von der barbarei trennt. es ist eine durchaus sehr aktuelle frage, die die tänzer hier als mikrogesellschaft bewegt: was treibt menschen dazu, anderen menschen das mitgefühl zu entziehen und ihnen mit hass und gewalt zu begegnen?«
(www.tip-online.de, bühne, 2018)

»l’inconfondibile toula limnaios debutta con volto umano, una narrazione forte ed elegante

with this piece, the greek choreographer seems to widen the boundaries of the analysis about the society that she originally started with „momentum“, to represent no longer the microcosm of a single man and of the creatures who inhabit his thoughts, but an entire community, more and more individualistic and always more violent. …
when the show begins, also the dance seems to resume from where it was interrupted in „momentum“. …

from the beginning to the end there are strong images that refer to critical situations, social issues and problems of our times, which remain impressed in the memory of the audience.
a raw story, narrated with the unmistakable limnaios style, which manages to contrast the violence of actions, the grace and the elegance of her dance.«
http://www.campadidanza.it, nicola campanelli, 2018.

»toula limnaios expose une splendide laideur … tout ce petit monde va ensuite très vite chavirer dans une fascinante cruauté, une maltraitance démesurée. …

possédés, les danseurs de toula limnaios le sont bel et bien. entre attirances et répulsions, leurs corps explorent le surmenage de notre société, suintent bon la férocité de notre temps. quel visage donner à la violence qui pénètre, un peu plus chaque jour, notre quotidien ? comment se débarrasser de cette fine pellicule sociétale, fatale, qui nous colle à la peau ? c’est comme si nous étions imperturbablement guidés par un gourou, une force obscure qui dirige nos vies robotisées, uniformes … l’ambivalence dominé/dominant est portée à son comble lorsque …

toula limnaios nous offre à travers „volto umano“ une savoureuse mise à nue générale, étouffante, accablante, parsemée de quelques pulsions, sursauts de vie. l’humain dans toute sa splendide laideur.«
https://cccdanse.com, léa chalmont, 2018.

»wer am ball ist, bestimmt momentlang choreographie. … in der halle tanzbühne berlin … jeder stuhl war besetzt. lichtregie beleuchtete jeden tanzenden; wer nicht gesehen werden sollte, verschwand hinterm stapel aufgeschichteter …kleiderpuppen ohne arme, füße, kopf. was sich durch beinkleider hindurch in sichtbaren vordergrund zwängte, wirkte wie durch vaginas gedrängt. wer vermutete, dass menschen, die an hundeleinen geführt worden waren, sich auf den stürzen, den sie lauernd zu beobachten schienen, weil er sich nahe am boden wie im k.o.status bewegte, wurde enttäuscht. toula limnaios tanzregie bedient selten erwartungshaltungen. überall auf der bühne könnte ungewohntes geschehen. …tänzer bezeugten im versuch körperlicher annäherung brutalität, inbesitz¬nahme, marionettisierung. tänzer … zeigten mit händen, füßen, gesicht individualität, auch dann, wenn sie in szenen ähnlich tanzten.
das publikum reagierte begeistert. menschen könnten menschlicher brutalität ausweichen, in dem sie isoliert leben. niemand will das …«
(der freitag. das meinungsmedium, blog aus der community, 2018)