Mit »patria« (auf Deutsch „Vaterland“) liest Choreograph Roberto Zappalà diesen Begriff im Lichte der aktuellen Situation neu und verleiht szenisch-choreografischen Situationen Gewicht und Relevanz. Erarbeitet in einer Zeit in der „Globalisierung und Einwanderung die ganze Zerbrechlichkeit der Demokratien und der liberalen Werte zum Vorschein bringen, während populistische Bestrebungen ihre politischen und sozialen Grundlagen destabilisieren“.
Der choreografische Stil entwickelt sich konvulsivisch und akribisch, während sich die Tänzer*innen der Compagnie auf der Bühne bewegen, um das chaotische Erscheinungsbild mikroskopischer Viren zu vermitteln. Das Chaos ist so organisiert, dass es das reale Leben widerspiegelt, und die Tänzer*innen entfernen sich von der Bühnenmitte, bevor sie zu ihr zurückkehren, auf der Suche nach einem Halt, einer Sicherheit, die nicht nur die Bühnenmitte darstellt, sondern auch ihr Recht, das ihnen zu Unrecht verweigert wurde.
Die Inszenierung stellt Zugehörigkeit durch den Körper und die Stimme der Tänzer*innen und durch Hymnen dar. Sie stellt die „Inklusivität“ der Zugehörigkeit dar, indem sie die Nationalhymnen bewusst mit der Ode an die Freude aus Beethovens Neunter Symphonie (der Hymne der Europäischen Union und dem ultimativen Ausdruck der weltweiten Brüderlichkeit) kontrastiert.Der sizilianische Zungenbrecher ist eine Warnung vor „nationaler Rhetorik“ und ein Plädoyer für Wachsamkeit, denn selbst die scheinbar banalsten Handlungen können sich langsam zu katastrophalen Folgen entwickeln, wie in Komödien von Laurel und Hardy.
»patria« vermittelt Zugehörigkeit nicht nur als Ausschließlichkeit, sondern auch als Teilhabe. Denn Heimat steht im Singular, sollte aber immer zusammen mit dem Wort Menschheit pluralisiert werden. In der Tat sind wir alle bis zu einem gewissen Grad Exilanten und „Heimat ist kein physischer Ort, sondern ein mobiles Bedürfnis“ (Richard Sennett, The Foreigner).