ein solo für zwei frauen 
das motiv des doppelgängers irritiert und fasziniert zugleich: sein auftauchen verwischt die grenzen zwischen dem ich und den anderen. der doppelgänger hinterfragt vorstellungen von ähnlichkeit und differenz, problematisiert das subjekt und seine identität.
»isson« ist den kontrasten gewidmet, der wirklichkeit und der illusion, dem licht und dem schatten, der unruhe und der ruhe. zwei wirklichkeiten, die man nicht trennen kann. der traum ist nicht die andere wirklichkeit, er gleitet über beide, erhellt oder verdunkelt sie. schatten, eine düstere zone, die von undurchsichtigen körpern geschaffen wurde und die die strahlen einer lichtquelle bricht. das undurchsichtige stellt sich gegen das vorüberziehende licht.
jeder traurige und dunkle gedanke ist ein flüchtiger und vorübergehender gedanke, ein vergänglicher gedanke der angst. jede unruhe der seele, jede schwarze melancholie ist illusion.

»im synchronen wird nicht virtuosität demonstriert, sondern das verschmelzen zweier wahrnehmungszustände. dieses auskomponierte decrescendo ist eines der berührendsten, einleuchtendsten schlussbilder im tanztheater, das seit langen zu sehen war.« (tagesspiegel, franz-anton cramer 2003)

produktion: cie. toula limnaios in koproduktion mit dem theater am halleschen ufer

premiere 2003 tanz/kreation: lena meierkord, toula limnaios

konzept/choreographie

toula limnaios

musik

ralf r. ollertz

tanz/kreation

lena meierkord, toula limnaios

lichtdesign

klaus dust

kostüme

toula limnaios

public relation

silke wiethe

fotos

dieter hartwig

kritiken

»als schubert seine doppelgänger fand /// bewegungsgleichklang gilt im tanz als bravour. mit der neuen choreographie ›isson‹ beweisen toula limnaios und lena meierkord, dass synchronität weit mehr bedeuten kann als nur trainingsfleiß: nämlich den absoluten einklang zweier sphären, zweier körper und wesen (griech. isson). zu beginn stehen die tänzerinnen im matten dämmer der leeren bühne an der rückwand, das gesicht nach hinten gewendet: zwei identische figuren auf weißen tanzflächen die folgende stunde wird sie nach vorn führen, ganz dicht vor die erste zuschauerreihe im theater am halleschen ufer. sie werden sich bis auf wenige passagen vollkommen gleichförmig bewegen und dabei ihren tanzraum nicht verlassen. in der dunkel abgetönten dynamik, den fein nuancierten stimmungswerten der choreographie verschmälert sich der abstand zwischen beiden. im synchronen wird nicht virtuosität demonstriert, sondern das verschmelzen zweier wahrnehmungszustände dargetan.

aus der klanglandschaft von ralf. r. ollertz schält sich zuletzt franz schuberts todesstarrer ›doppelgänger‹ heraus. das lied beschreibt mit tonloser dichte das haus der geliebten, in dem sie schon längst nicht mehr wohnt, das als hülle aber noch vom vergangenen glück kündet. derweil stehen limnaios und meierkord regungslos, ein wenig verzerrt, wie windschief und altersschwach da. wer bewohnt jetzt noch die bewegung? welches wesen haust im tanz. dieses auskomponierte decrescendo ist eines der berührendsten, einleuchtendsten schlussbilder im tanztheater, das seit langen zu sehen war.« (tagesspiegel, franz anton cramer, 2003)

»die dinge sind selten das, was sie zu sein scheinen, und ein rücken ist nicht nur ein rücken. er kann eine mauer sein, über die glänzende haare fließen wie ein wasserfall. er kann eine bühne sein, auf der zwei hände einen tanz aufführen. oder ein panzer, hinter dem sich ein verletzliches gesicht verbirgt. zu beginn des duetts ›isson‹ sehen wir die choreografin toula limnaios und ihre partnerin lena meierkord von hinten. die frauen in schwarz, jede im viereck aus licht, finden bewegende zeichen für die labile schwebe, in der das wesen mensch – ›isson‹ bedeutet griechisch ›gleich‹ – lebenslang hängt.

toula limnaios geht zurück auf die pure, schmucklose bewegung und schafft eine formbewusste, ihre bisher reifste choreographie. die beinahe erschreckende synchronität der tänzerinnen irritiert den zuschauer, der erst bei näherem hinsehen zwei grundverschiedene welten vorfindet: limnaios, die leichte, verströmt sich, während meierkord bei sich bleibt, verschlossener. der rhythmus der komposition im leeren raum folgt den zitternden ausschlägen einer seele, die orientierung sucht und meist irritation findet. mal kommt sie konzentriert zu sich selbst, um im nächsten moment von der eigenen hand fortgerissen zu werden. am ende liegt die innere ruhe im bewussten auf und ab zwischen hoffnung und depression, licht und schatten. ein kleiner hervorragender tanzabend.« (berliner morgenpost, constanze klementz, 2003)

»wenn toula limnaios choreographiert und vor allem, wenn sie selbst tanzt, strahlt etwas seltenes, kostbares von innen nach außen. als malerin von seelenzuständen ist die gebürtige griechin oft beschrieben worden. sie selbst nennt ihren stil ›magischen realismus‹. limnaios’ stücke lustwandeln auf der grenze zwischen tag und traum, schwelgen in opulenten licht- und farbspielen und schwemmen unterbewusste sehnsüchte, ängste, visionen an eine stets minutiös durchgestaltete sinnliche oberfläche.« (berliner morgenpost, bm-live, constanze klementz, 2003)