»if I was real« ist eine erste skizze, angeregt von camus frühen literarischen essays »l’envers et l’endroit/licht und schatten«. die schatten stehen für die angst vor der fremdheit, das schweigen der welt und den offensichtlichen mangel an kontrolle über das, was welt ist. das licht symbolisiert die schönheit, die annahme dieser unverständlichen welt.
camus schreibt: »es gibt keine liebe zum leben ohne verzweiflung am leben.« wir sind zwischen diesen beiden polen geteilt, zwischen gefühl und rationalität, der verstand schwingt in einem hin und her.
»if I was real« reflektiert paradoxien und mehrdeutigkeiten. die komposition entwickelt sich wie eine sammlung und zeigt fragmentarische bilder voller geheimnisse von verborgenem zusammenhang. ohne aufdringliche aufladung mit spezifischer »bedeutung«, erscheinen sie einerseits fremdartig, anderseits aber auch auf eine weise vertraut, die nicht so recht benannt werden kann.

auf der suche nach einer antwort schweifen die interpreten stets umher, taumeln in einem geteilten raum. sie erfinden rituale, um die angst zu vertreiben und stoßen voller verzweiflung auf ihre eigenen grenzen. eine choreographische sammlung, eine dünne linie zwischen der wieder erkennbaren realität des alltags und einer bizarren doppelwelt/traumwelt.

»ganz erstaunlich, wie toula limnaios und ihre compagnie sich immer wieder neu erfinden.« (neues deutschland, karin schmidt-feister, 2013) 

»wobei sie in ›if I was real‹ überraschenderweise schicksal, schmerz und leid hinter sich lässt und zu einem reigen festlich-wilder schönheit abhebt.« (kulturradio, frank schmid, 2013) 

eine produktion der cie. toula limnaios mit freundlicher unterstützung der kulturverwaltung des landes berlin.

konzept/choreographie

toula limnaios

musik

ralf r. ollertz

tanz/kreation

giacomo corvaia, jozsef forro, marika gangemi, samuel minguillon, hironori sugata, karolina wyrwal, inhee yu, ann-christin zimmermann

lichtdesign

jan langebartels

raum/kostüme

antonia limnaios, toula limnaios

public relation

silke wiethe

fotos

dieter hartwig, cyan

kritiken

»in der großen tanzszene berlins nimmt die compagnie toula limnaios eine sonderstellung ein. seit 15 jahren arbeitet sie kontinuierlich in berlin, seit zehn jahren verfügt sie mit der halle im prenzlauer berg über eine eigene spielstätte und neben der compagnie von sasha waltz ist sie die einzige in berlin, die mit einem festen tänzer-ensemble arbeitet. zum ausklang ihres jubiläumsjahres hat toula limnaios gestern die premiere eines neuen tanzstückes gefeiert. ›if I was real‹, angeregt durch texte des jubilars albert camus.
verzweiflung und liebe /// von camus inspiriert – ist die passende beschreibung für diese choreografie. zwar waren frühe essays, camus erstling licht und schatten von 1937, anregungsmaterial. aber camus zu verbildlichen, sei unmöglich, hat toula limnaios gerade in einem interview gesagt. anklänge lassen sich jedoch finden: licht und schatten sind hier, angelehnt an camus, zu verstehen als ablehnung und annahme der welt, wie sie ist, als bewusst erlebte fremdheit und feier ihrer schönheit, als verzweiflung am leben und liebe zum leben, was untrennbar zueinander gehört, wie camus sagt. ein spannungsfeld, in dem sich toula limnaios ohnehin bewegt, in ihrem existenzialistisch grundierten magischen realismus, zu dem poesie und dramatik als schwestern gehören. wobei sie in ihrer neuen choreografie überraschenderweise schicksal, schmerz und leid hinter sich lässt und zu einem reigen festlich-wilder schönheit abhebt.
leichtigkeit und sinnlichkeit /// der beginn ist noch höchst dramatisch, passend zu den klirrenden, hämmernden, scheppernden soundeffekten, die sich gegenseitig überlagernd durch den raum jagen. zu beginn schwingt ein tänzer eine große doppelaxt, als wolle er alles zweiteilen, was in seine reichweite kommt. eine szene, in der allerdings gefahr und spiel in balance sind. er tanzt mit seiner axt einen selbstvergessenen traum, zugleich konzentriert, bewusst und genussvoll – ein ausbruch von aggression scheint fern, aber jederzeit möglich. dies ist eine januskopf-szene, zwiespältig, anfang und ende, gewalt und liebe in einem.
ein bildhafter auftakt für die folgende lose sammlung von tanzszenen, in denen die acht tänzer in ihren schwarzen kleidern oft in reigen tanzen, in frontreihen und kreisreihen und das erstaunlich oft synchron, was bei toula limnaios in dieser häufung noch nicht zu sehen war, aber auch vereinzelt, jeder für sich, in windungen, fast spiralformen, die den körper in alle richtungen auseinanderzureißen drohen. ihre existenz erscheint als ebenso schrecklich wie schön, wobei im weiteren verlauf leichtigkeit und sinnlichkeit immer mehr zunehmen.
in dieser choreografie ist einiges anders als von toula limnaios gewohnt: sie ist tänzerischer, weicher und freudvoller. statt der oft so rätselhaften, irrealen kleinen miniaturen von in sich verkapselten, fast kontaktlosen menschen herrscht hier große offenheit für interaktionen, sogar beziehungen. die bewegungen sind weniger eng, die nach innen gewandte, gepresste expressivität ist nun kraftvoll und lustvoll nach außen gerichtet.
die liebe zum leben zeigt sich deutlicher als die verzweiflung am leben. hier wird getänzelt, getrommelt und geboxt, die hände flattern in gebärdensprache, die haare fliegen und am ende schwebt eine tänzerin von fünf anderen hoch in die luft gehoben – ziemlich riskant und gefährlich, aber selbstvergessen genießend und in vollem vertrauen.
eine neuerfindung, eine art künstlerischer neustart /// toula limnaios scheint ihre entrückten traumwelten ebenso hinter sich gelassen zu haben, wie die radikal intimen, extrem verdichteten kammerstück-miniaturen und die albtraumhaften surrealen bilder von ohnmacht, zerrissenheit und ausnahmezuständen. hier sind leidenschaften im spiel – weniger vereinzelung sondern tanz in gruppen, duos, trios, quartetten – alles wirkt luftiger, offener und freier. diese choreografie ist zwar erst ein anfang, eine erste skizze macht aber neugierig auf das kommende.
neustart in finanzieller hinsicht und ausbau des standortes /// das war ein ereignisreiches jahr für die compagnie toula limnaios. erst die empfehlung zur neuaufnahme in die vierjährige konzeptförderung, gerade eben die noch nicht endgültige, aber sehr wahrscheinliche entscheidung, dass toula limnaios einen eigenen haushaltstitel des landes berlin erhält, also aus der ständigen förderantragstellerei entlassen wird und eine feste, dauerhafte förderung bekommt. und zusätzlich bahnen sich auf dem gelände in der eberswalder straße große entwicklungen an. die gemeinnützige schweizer stiftung edith maryon hat das gesamte areal und die alten, seit langem leer stehenden gebäude aufgekauft und so könnte – noch ist alles im planungszustand – hier ein neuer kulturstandort, ein produktions- und veranstaltungsort entstehen. in zukunft kann man dieses jubiläumsjahr für toula limnaios vielleicht als jahr der entscheidenden entwicklung sehen. (kulturradio, frank schmid, 2013)

»janusköpfiger tanz zwischen dünnen linien /// mit einer doppelaxt zelebriert hironori sugata magische kreise und schwünge auf der vorbühne. ein ritual voller eleganz und souveräner ruhe. … eine stunde später wird sich joszef forro tanzend vervielfältigen, seine gestalt, x-fach aufgefächert, ihn selbst erstaunen. wer ist der echte? räume schieben sich ineinander …
ganz erstaunlich, wie toula limnaios und ihre seit zehn jahren in der halle tanzbühne berlin beheimatete compagnie sich immer wieder neu erfinden. für ›if i was real – eine erste skizze‹ (ihre 34. tanzschöpfung) ließ sich die griechische choreografin von frühen essays albert camus‘ anregen. ›es gibt keine liebe zum leben ohne verzweiflung am leben‹ schreibt camus. genau diese absage an einen polarisierenden blick auf licht- und schattenseiten der welt ermöglicht die häutungen, das freilegen unterschiedlichster affekte, das plötzliche aufleuchten divergierender existenzen.
so schweifen die acht interpreten in einem dreifach geteilten bühnenraum zwischen welten umher. ralf r. ollertz’ minimalistischer soundtrack mixt brachiales rattern von steinbohrern mit einem gespinst leise flirrender töne, die ineinandergleiten, sich splitten. ein klangteppich schwebender leichtigkeit und intensiver langsamkeit trägt das tänzer-oktett in die emotional aufgeladenen bildsplitter.
die protagonisten erinnern in den mehrstimmigen solo- und gruppenbildern nur noch wenig an einzelkämpfer, an zerrüttete individuen, die sich im gegeneinander verausgaben. nein, in dieser neuen arbeit löst toula limnaios die kraftvollen unisono-formationen permanent auf. sie kreiert sinnliche bewegungs-spiegelungen flüchtiger, empfindsamer schönheit.
schatten, oft chiffre für lebendigkeit, erstehen hier als zeichen der angst vor der fremdheit /// die wandlungsfähige compagnie ›cie. toula limnaios‹ schenkt uns einen getanzten essay inspiriert von camus’ ›l’envers et l’endroit/licht und schatten‹ über möglichkeiten des seins. leise, geheimnisvoll, offen für neue blickrichtungen, ein bisschen verrückt.« (neues deutschland, karin schmidt-feister, 2013)