tag und nacht als symbol für traum und wirklichkeit, alltag und sehnsucht, werden und vergehen, spiegeln die vielschichtigkeit der menschlichen existenz, markieren die beiden pole, zwischen denen der mensch seine taten verrichtet. die bühne wird zur lebendig gewordenen leinwand, aus der vier tänzer/innen hervortreten und auf phantastische weise ein kaleidoskop von episoden entwerfen, die gewöhnlich oder absurd, wie das leben selbst sind. »falten der nacht« – das romantischste und eines der frühen werke der compagnie.

»falten der nacht ist eine symphonie voller poesie, in der der tanz in harmonie mit musik und licht wunder vollbringt. die cie. toula limnaios vermag es für einen abend lang, die bühne in einen schimärenhaften moment, in einen unvergesslichen traum zu verwandeln.« (urbuz.com, paris, london, berlin, andrea philippi 2000)

»in bleiernem licht blicken vier gestalten, als habe caspar david friedrich sie in ein naturstillleben hinein komponiert. …« (berliner morgenpost, volkmar draeger, 2000)

»blaue stunde im theater … und wäre es nicht toula limnaios, die uns zur späten stunde ihre neueste choreographie vorstellt, könnte man meinen, balanchines hätte seine ›serenade‹ veränderten verhältnissen angepasst. voller fantasie und poesie legt sie schicht um schicht eine existenz frei, die in den lichten räumen von klaus dust eine erstaunliche schönheit gewinnt.« (die welt, hartmut regitz, 2000)

eine produktion der cie. toula limnaios in koproduktion mit dem theater am halleschen ufer und freundlicher unterstützung der senatskanzlei für kulturelle angelegenheiten des landes berlin sowie dem elektroakustischen studio der akademie der künste.

premiere 2000 tanz/kreation: nicolaj jespersen, toula limnaios, monica muñoz marin, evelin stadler

fotos: dieter hartwig, cyan

konzept/choreographie

toula limnaios

musik

ralf r. ollertz

tanz

daniel afonso, katja scholz, karolina wyrwal, inhee yu

lichtdesign

klaus dust

raum/kostüme

toula limnaios

assistenz

ute pliestermann

public relation

silke wiethe

videoprojektionen

cyan (16mm-film)

kritiken

»was zwischen tag und nacht passiert /// blaue stunde im theater am halleschen ufer: wenn die nacht ihre letzten schatten wirft, werden die vier tänzer und tänzerinnen aus ihrer erstarrung erlöst. gebannt richten sie ihren blick auf einen punkt irgendwo am horizont, und wäre es nicht toula limnaios, die uns zur späten stunde ihre neueste choreographie vorstellt, könnte man meinen, balanchines hätte seine ›serenade‹ veränderten verhältnissen angepasst. doch nicht tschaikowskys weise ertönt, sondern ein sehnsüchtig stimmiger streichklang von ralf. r. ollertz, und je mehr sich dessen struktur verdichtet, desto stärker stimuliert er die szene. schwer zu sagen, was eigentlich zwischen nacht und tag geschieht. toula limnaios, seit drei jahre in berlin heimisch, ist nicht so leicht zu fassen, und selbst der film, der zuletzt das geschehne noch einmal rasant abspult, macht die sache nicht unbedingt einfacher. in den ›falten der nacht‹ hat sich manche erfahrung verborgen, und wer es wagt, seine wirklichkeit wie eine lederjacke abzustreifen, wird sich am ende womöglich selbst begreifen. toula limnaios lässt dem betrachter alle freiheit. sie choreografiert dem betrachter keine banalitäten vor. voller fantasie und poesie legt sie schicht um schicht eine existenz frei, die in den lichten räumen von klaus dust eine erstaunliche schönheit gewinnt.« (hartmut regitz, die welt, feuilleton, berlin, 2000)

»nächtliche tänze /// 1997 verlegte die compagnie toula limnaios auf einladung der akademie der künste ihren wohnsitz von brüssel nach berlin und vermag sich seitdem in dieser stadt nicht nur mit außerordentlicher produktivität, sondern auch mit ihrem künstlerischen profil durchzusetzen. mit ›falten der nacht‹ präsentiert die compagnie bereits ihre dritte produktion in diesem jahr, uraufgeführt im theater am halleschen ufer. das kleine, ästhetisch ausgereifte gesamtkunstwerk aus tanz, licht/raum und musik zeugt von einem vollendeten zusammenspiel der schwesternkünste, wie man es nicht oft erlebt. die nacht beginnt, wenn die uniform des tages (graue gummijacken) abgelegt werden. nun sind die körper weltlicher hüllen und monotoner abläufe entledigt und begeben sich auf die suche nach dem eigenen sein im schutze blaugrauer unbegrenztheit. vier tänzerinnen fallen in hexengleiches irrlichtern. sie springen und jagen, begehren und verstoßen – aber erlösung finden sie nicht. die nacht spiegelt den tag mit all seinen qualen und vergeblichkeiten. der alpdruck des tages setzt sich nicht nur fort, sondern nimmt hier erst deutlich gestalt an. auch das träumen ist ein kampf, auch das schlafen eine arbeit. die nacht spiegelt den tag, um ein wenig last sich abzutanzen von der seele. wir sind, was wir träumen. wir träumen, was wir sind. das alles ist choreographiert in hübscher synchronität und dynamik und leichtfüßig perfekt getanzt.« (arna vogel, neues deutschland, 2000)

»dancing the twighlight zone /// morgengrauen. die bühne ist wie von einem nebulösen schleier überzogen. die tänzer stehen vor der leinwand und sehen zu, wie das verschwommene, blaue licht immer heller wird. in ihren grauen gewändern gleichen sie verirrten gestalten der nacht, die erschrocken mit der absurden realität des tages konfrontiert werden. in ihrem neuen stück ›falten der nacht‹ zaubern die griechische choreographin und tänzerin einen raum des nichts, verloren zwischen wirklichkeit und traum. in dieser welt bewegen sich toula limnaios und ihre tänzerinnen von trauter zweisamkeit, über gefühle der gemeinsamkeit bis hin zur totalen isolation. die gesten geben und nehmen, fliessen ineinander und schwinden dahin. es mutet fast schon grotesk an, wenn das paar sich ohrfeigt und nicht mehr damit aufhören will oder wenn in einer an pina bausch erinnernden szene, die frauen sich die bunten kleider vor der brust zusammenhalten, ohne den körper jedoch zu entblössen. ›falten der nacht‹ ist eine symphonie voller poesie, in der der tanz in harmonie mit musik und licht wunder vollbringt. die cie. toula limnaios vermag es für einen abend lang, die bühne in einen schimärenhaften moment, in einen unvergesslichen traum zu verwandeln.« (andrea philippi, urbuz.com, paris, london, berlin, 2000)

»trockentanz /// seitdem toula limnaios 1997 mit ihrer zwei jahre zuvor in brüssel gegründeten compagnie nach berlin übersiedelte, hat sie sich rasch in die choreographische vorderfront katapultiert. das brachte ihr förderung durch den kultursenat ein. in bleiernem licht blicken vier gestalten regungslos nach hinten, als habe caspar david friedrich sie in ein naturstilleben hinein komponiert. was immer sie sich von ihrem blickpunkt erwarten mögen, es stellt sich nicht ein. eine angeseilte frau kann sich befreien, alle vier streifen ihre gummijacken wie eine lästige hülle ab. das einstündige stück  (enthält) ansprechende bilder, so wenn sich körper wie marionetten nur durch handimpulse bewegen lassen oder wenn der einzige mann ein konvolut von fotografischen ausdrucksstudien wie masken vor sein gesicht hält. positiv bleibt ralf r. ollertz’ dichte klangkomposition und klaus dusts atmosphärisches licht in erinnerung. unter den drei frauen überzeugt die tanzende choreographin am meisten, der däne nicolaj jespersen ist als jüngster gruppenzugang ein gewinn.« (volkmar draeger, berliner morgenpost, 2000)

»der kampf auf der metaebene /// die compagnie toula limnaios gibt eine moderne antwort auf die frage: sein oder nichtsein? mit tanz, musik, film und licht überschreitet sie die grenze zwischen imagination und wirklichkeit. seit mehr als einem jahr arbeiten die choreografin und cyan zusammen und es hat sich erwiesen, dass zwei sehr weit voneinander liegende systeme durchaus miteinander kompatibel sein können. limnaios ätherische erkundungen in das eigene körperinnere und die harte technik von cyan sind eine merkwürdige symbiose miteinander eingegangen, in denen sich die spiele zwischen imagination und wirklichkeit, zwischen realem bild und optischer täuschung ineinander zu spiegeln und zu verdoppeln scheinen. ›falten der nacht‹ heißt nun das neueste stück dieser zusammenarbeit, wobei es sich auch bei den ›falten‹ um eine doppelung, um die nächtlichsten momente der nacht handeln dürfte. wer gesehen hat, wie toula limnaios in ›vertige‹ gegen die videobilder cyans ankämpft, von ihnen regelrecht verschluckt wird und ihnen immer wieder ihre eigene körperliche wirklichkeit abgewinnt, darf sich das auch ohne großen technischen schnickschnack vorstellen. denn seit limnaios, die früher unter anderem bei pina bausch tanzte, sich auf die videokunst eingelassen hat, wird auf der metaebene eben dieser kampf geführt. limnaios stücke sind alles andere als bequem, von der in alle künste gleichermaßen eingebrochenen lust nach gut bekömmlicher unterhaltung und konsumbejahung, scheint die choreografin nicht einmal etwas mitbekommen zu haben. die entrückung, von der limnaios-choreografien geprägt sind, verdankt sich nicht nur einer kunstanstrengung, es eignet ihnen auch etwas eigenartig authentisches an. eben das macht einen teil des reizes dieser arbeiten aus.« (michaela schlagenwerth, berliner zeitung, 2000)

»poetin innerer zustände /// drei frauen tanzen in langen kleider in pink, gelb und himmelblau. die kleider sind offen und drohen ständig herunterzufallen. die frauen halten die kleider fest und sich an den kleidern fest. offene kleider sind sichtlich hinderlich, aber gerade dieses hemmnis gibt den bewegungen des trios eine reizvoll verzerrende unschärfe. merkwürdig unscharf wird auch die reale physis von nicolaj jespersen, als er uns, einen stapel portraitfotos mit seinem gesicht vor seinem gesicht gegenübertritt. foto auf foto flattert zu boden, während monica munoz hinter ihm ein angespanntes solo tanzt. toula limnaios hat an falten der nacht, einer losen reflexion über den raum zwischen tag und traum, erstmals unterstützt von senatsgeldern gearbeitet. mit einem kleinem ensemble, das einiges verspricht. die choreographin und tänzerin geht in der berliner szene seit einigen jahren einen weg fernab modernistischer mätzchen. was sie selbst gern magischen realismus nennt, ist auch diesmal eine fragile, pulsierende gratwanderung. limnaios schöpft aus dem gestischen, ihre bewegung schreibt an einem protokoll innerer zustände. gegen den immer noch dominierenden choreographischen trend ist ihre arbeit die einer bekennenden übersetzerin. von emotion in tanz. von innen nach außen. die immer dann überzeugt, wenn sie der unschärfe formalen raum gibt und bewegung mehr sein lässt als die entsprechung zu einem gefühl.« (constanze klementz, zitty, 2000)

»vier verhedderte autisten /// falten der nacht klingelt im programmheft heftig mit begriffen wie ›traum und wirklichkeit, alltag und sehnsucht, werden und vergehen‹. doch nichts davon ist auf der anscheinend selbst entworfenen bühne – weißer tanzteppich und hintergrundprospekt zwischen schwarzen vorhängen – zu sehen. mit zuweilen wilden, manchmal eher abgezirkelten bewegungen vor allem der arme scheinen die darsteller ihren zuschauern zwar eine botschaft übermitteln zu wollen. doch ihr gestisches gemurmel bleibt unverständlich; die bewegungen stiften keinen sinn. den kokon, in den sie eingesponnen sind, können die darsteller nicht durchbrechen. vier autisten suchen ein stück; sie finden aber nur bruckstücke, die die choreographin toula limnaios anscheinend beliebig, jedenfallls ohne dramaturgisch einleuchtendes konzept, zu einem billigen flickenteppich zusammenfügt.
ob in der eröffnungsszene einer der drei frauen mit einem geschirr an ein band vom bühnenhimmel gefesselt ist; ob das darstellerquartett vor die vierte wand tritt und sich mit bedeutungsvoller gestik der jacken entledigt, die man zu beginn trägt; ob sich eine der frauen mit dem mann ein ohrfeigenduell liefert, um sich gleich anschließend mit ihm – mit einer mundharmonika zwischen den mündern? – in einer kusspose einfrieren zu lassen, während ein rasend schnell geschnittener, in jeder seiner kurzen einstellungen aus vier, zum teil auf dem kopf stehenden einzelbildern bestehender film von cyan die aufmerksamkeit des zuschauer okkupiert; ob sich der mann an der rampe eine handvoll fotos seines mal grinsenden, mal verzerrten antlitzes vors gesicht hält und ein blatt nach dem anderen davonflattert: nichts davon folgt einer erkennbaren logik (und auch die assoziative logik des traums kann es nicht für sich in anspruch nehmen).
›falten der nacht‹ ist eines jener modischen tanzstücke, an deren botschaft man glauben muß, wenn man ihnen mindestens eine gewisse unterhaltsamkeit abgewinnen will. aber von diesen zeitgenossen gab es am premierenabend eine menge. mit geradezu enthusiastischem applaus, johlend, pfeifend, trampelnd und klatschend, versuchten sie sich nach dem letzten blackout davon zu überzeugen, daß sie einem tänzerischen ereignis beigewohnt hatten. aber vielleicht handelt es sich ja auch nur um freunde und bekannte der tänzer.« (jochen schmidt, frankfurter allgemeine zeitung, 2000)

»in kürzester zeit hat die cie. toula limnaios zu einem markanten künstlerischen profil gefunden. intellektuelle durchdringung von bewegung, ohne dabei deren persönlichen, emotionalen kern zu verraten: das sind eherner und auch ethischer grundsatz der folkwang-tanzausbildung. auch toula limnaios hat diese lehren verinnerlicht und versteht es zudem, sie in enger zusammenarbeit mit dem komponisten ralf r. ollertz und cyan, dem kollektiv für visuelles design, in ein höchst suggestives bühnenganzes zu gießen. soeben hat die formation dafür ein arbeitsstipendium des landes nordrhein-westfalen erhalten.
im theater am halleschen ufer wird nun die jüngste produktion ›falten der nacht‹ wieder aufgenommen. als thema hat man sich die gegensätzlichen seelen- und bewusstseins-welten von tag und nacht, wachen und träumen ausgewählt. beständig wechselt die bald impressionistische, bald wuchtige detailreiche bewegungsqualität zwischen zerdehnter schläfrigkeit und hektischem tagesbetrieb.
die vier akteure stehen zunächst diagonal im verlorenen profil und wenden sich nur allmählich zum publikum um – plötzliche aktivitätsausbrüche werden von elastischen stürzen beendet, versonnene blicke gehen in eigenartig verschobenen bewegungsclustern auf. in mehreren solopassagen, scheinen sich einzelne körperpartien zum ›fremdkörper‹ zur verflüchtigen, werden die anatomischen beziehungen zwischen den gelenken wie mit gummifäden akzentuiert und ins beängstigende übersteigert. später kommen auch die seelischen verzerrungen und alptraumhaften realitätsverfremdungen zur darstellung, wie sie schwere nächte bisweilen durchspuken: pullover schlingen sich wie zerwühlte laken um den kopf, fotokopierte fratzen löschen das gesicht aus. dann wieder wird im stile der ›nacht‹ meditiationen eines hans jürgen syberberg für edith clever mit köstlich-dämmernder beleuchtung ein verklärter, raunender klassizismus heraufbeschworen. das ende dieses stillen skizzenbuches führt das tanzende quartett sozusagen hinters licht: sie werden zum schattenriß und vergehen in der dämmerung.« (franz anton cramer, frankfurter allgemeine zeitung, 2001)

»›all we see or have seen is in a dream but in a dream‹. was ist realer – der traum – oder der wachzustand? die nacht als reich der phantasie, des unterbewussten, des ungewissen und der dunklen mächte. der tag steht für das überlegte denken, die kontinuierliche abfolge von handlungen und das gegenwärtige. durch alle kulturepochen hindurch spiegelt die beschäftigung mit der dunklen und hellen seite der seele die vielschichtigkeit des menschlichen daseins. toula limnaios lotet in ihrer neuen choreographie die übergänge zwischen tag und nacht aus.« (claudia pollmeier, flyer, berlin up-dates, 2000)