die inszenierung ist inspiriert von fjodor dostojewskijs gleichnamiger novelle »die sanfte«. durch eine verkettung unglücklicher umstände wird die fast wortlose ehe eines paares durch den tod geschieden. der inhalt besteht aus zwei geschichten: der des mannes und der seiner frau. während er seine eigene geschichte kennt, ist ihm die seiner frau nur vermeintlich bekannt, im grunde aber fremd. zusammen sein und doch fremd voneinander – die choreographie thematisiert eine »begegnung« zwischen zwei menschen, die nie stattgefunden hat, die aneinander vorbeigegangen sind.
im angesicht des todes werden nicht nur die brüche sondern auch die brücken der verbindung sichtbar. er kann nicht loslassen, lässt das gewesene im geist vorbeiziehen, macht die vergangenheit zur gegenwart. über die geschichte des ehemanns spinnen wir die handlung fort, folgen nicht nur ihm, sondern entwerfen ein mehrdimensionales bild, in dem die frau ebenso wie der mann zum erzähler wird.

abgekapselte welten treten in zwiesprache: phantasien eines wunschbildes, sanft vorbeiziehende impressionen – alpträume aus wachs, abschied und letzter gruß, anfang und ende, erinnerung und wirklichkeit, gewissheit und rätselhaftigkeit, licht und schatten …

»… die choreographin toula limnaios nimmt die geschichte einer abgeschlossenen liebe zum ausgangspunkt für ihr neuestes stück, schafft aus dostojewskis eindringen in subtile, unausgesprochene seelische bereiche bilder voller poesie.« (tanzjournal, elisabeth nehring, 2005)

eine produktion der cie. toula limnaios mit freundlicher unterstützung der senatsverwaltung für wissenschaft, forschung und kultur berlin, dem fonds darstellende künste e.v. und dem kulturamt pankow.
gastspiele: osnabrück, frankfurt/main

wiederaufnahme 2006 tanz: toula limnaios, carlos osatinsky, katja scholz, nefeli skarmea, hironori sugata

konzept/choreographie

toula limnaios

live-musik

ralf r. ollertz

tanz/kreation

dagmar bock, toula limnaios, carlos osatinsky, katja scholz, hironori sugata

lichtdesign

klaus dust

public relation

silke wiethe

fotos

dieter hartwig

kritiken

»die choreographin toula limnaios nimmt die geschichte einer nach innen abgeschlossenen liebe zum ausgangspunkt für ihr neuestes stück, schafft aus dostojewskis eindringen in subtile, unausgesprochene seelische bereiche bilder voller poesie.
unbeweglich liegt sie da, wie tot, nur ihr langes haar weht im wind der rhythmischen bewegung. ein aus wasserfarben gemaltes bild des abschiednehmens und der trauer, zerlaufen, verwischt, ein unscharfer schemen, begleitet von einem herzton und dem knistern einer alten platte, an der die nadel hängen geblieben ist. … die tänzer, allen voran carlos osatinsky, bleiben dabei von einer art gleichmütiger melancholie und immer bar jeder dramatisierung.
am rande der szenerie spielt toula limnaios kongenialer partner ralf r. ollertz auf einem elektronisch verstärkten cello und lässt durch feinste echtzeiteffekte einen ganzen kosmos der erinnerung entstehen. vereinzelte herztöne, die im nichts verklingen, dunkel sich ausbreitende klänge, kontrastiert von hellen, zuweilen spitzen akzenten, erinnern an verzerrte glöckchen und flöten, vogel- und naturgeräusche. musikalische schwingungen, töne und geräusche überlagern, verdoppeln, verdreifachen sich, ein echoraum, der akustische weite in einer hermetischen welt suggeriert, immer vielfältig und stets von feinster komplexität.
hier herrscht kein anpassungswille an das gebot der geschwindigkeit, der entwicklung, der ereignisfülle, sondern eine sensible lust an menschlichen zwischenbereichen, am subtilen und, gerade weil alle mittel so fein eingesetzt werden, an der stille.
unterstützt von dem lichtdesigner klaus dust erweisen sich toula limnaios und ralf ollertz als künstlerpaar, das sich in seiner fähigkeit, seelischen zuständen einen atmosphärischen raum zu verschaffen zu geben, ideal ergänzt.« (tanzjournal, elisabeth nehring, 2005)

»sanfte gewalt /// die choreographin toula limnaios kann in diesem jahr das zehnjährige bestehen ihrer kompanie feiern, die mit einem eigenen raum und fünf festen tänzern einen ungewöhnlichen weg in zeiten erschwerter produktionsbedingungen für freie tanztheater eingeschlagen hat.
toula limnaios entwickelt mit ihrer insistierenden tanzsprache eine art seelenlandschaft auf dem grünen tanzboden, subtil unterstützt durch lichteffekte (klaus dunst) und vor allem, wie auch in ›short stories‹, durch die musik von ralf ollertz, limnaios’ langjährigem partner.
er sitzt am rand der bühne und kombiniert das live gespielte cello mit elektronischen klängen, halleffekten und perkussionsinstrumenten zu einer musik, die bisweilen geradezu schmerzhaft eindringlich den tanz begleitet und trägt. limnaios gelingen dabei hoch emotionale bilder: die zarten und doch starken körper der beiden frauen werden zur bespielfläche der männer, umklammert, festgehalten, fortgerissen oder, eine poetische szene, als untergrund für eine winzige rote feder benutzt, die der mann über den körper der frau pustet. sanft ist das nicht, aber limnaios’ ›sanfte‹ lotet aus, wie zart und doch voller gewalt das ist, was zwischen menschen entstehen kann.« (frankfurter allgemeine zeitung, eva-maria magel, 2006)

»beredte bilder sprachloser stille /// schon das eingangsbild in mattem licht wirkt wie aus einer tschechow-inszenierung. … was in toula limnaios’ uraufführung ›die sanfte‹ zunächst wie choreografierter stillstand anmutet, erweist sich rasch als hochsensible feinzeichnung innerer zustände der figuren. nach einer erzählung von dostojewski seziert die griechische tanzschöpferin, seit 1997 in berlin lebt und sich einen respektablen namen erworben hat, die beziehung eines paares, dessen wortlosigkeit bei dostojewski mit dem vom mann unverstandenen selbstmord seiner partnerin endet.
bilder sprachloser stille sind es, die toula limnaios 60 intensive minuten lang auf die szene ihrer spielstätte halle stellt…« (tanznetz / neues deutschland, volkmar draeger, 2005)